Freitag, 29. April 2016

Hexenzertifikate - eine entzauberte Wirklichkeit

(c) blausternschlonge


Meine allerliebsten Leser,

Wir betreten ein Arztzimmer, ein von uns ganz neu gewählter Arzt und eine gewisse Angst schwingt darin mit. Immerhin wollen wir keinem Pfuscher oder Laien auf dem Leim gehen; wir wollen vermittelt bekommen, dass der da schon sehr gut weiß, was er tut. Also sitzen wir unruhig auf dem Stuhl, warten auf den Arzt und lassen unseren Blick schweifen. Und direkt hinter seinem Schreibtisch entdecken wir sie - die Zertifikate. 
Aufgereiht wie die Perlen hängen dort sein Doktortitel, Fortbildungen, Kursbesuche und sonstige Auszeichnungen, die er in seinem Medizinerleben schon erreicht hat. Sofort sind wir beruhigt, denn wer so viele Auszeichnungen hat muss ja wissen, was er tut - oder?


Falsch!
Egal ob von angeblichen "Kursen", aus "Hexenschulen" oder von irgendwelchen Orden verliehen. Solche Papiere sind meist nicht mal das Papier wert auf dem sie gedruckt worden sind. Hexenzertifikate, Initiationsnachweise - sogar gefälschte Stammbäume. Diejenigen unter uns, die das Gefühl brauchen besser und besonderer zu sein als alle anderen (oder einfach nicht genug Ahnung hatten, als sie sich auf so was einließen) haben eine nie endenwollende Fülle an Möglichkeiten gefunden weniger - auf diesem Gebiet - gebildete Geister zu beeindrucken.

Welche Arten der Zertifikate gibt es?

Die Auswahl der Zertifikate, die man erwerben kann, sind schier endlos. Das geht von Auszeichnungen in denen irgendwelche magischen Kräfte geschult wurden bis hin zu Kursangeboten für Tarot, Kräuter oder ähnliche Dinge. Du kannst dir ein Zertifikat holen, dass du jetzt offizielle eine ausgelernte Hexe bist (was an und für sich schon Schwachsinn ist), einen Nachweis dafür ganz offiziell in den Kreis der Junghexen aufgenommen worden zu sein (Initiationsnachweis) oder dir von irgendjemanden, der behauptet deine Vergangenheit an Hand von diesen und diesen Dingen erfahren zu können, nachweisen lassen, dass seit Jahrhunderten Hexen in deiner Familie existieren.

Werfen wir doch mal einen tieferen Blick auf diese Zertifikate:

Hexenzertifikat: meist von einer Hexenschule herausgegebenes "Abschlusszeugnis" das bescheinigen soll, dass besagte Hexe erfolgreich in verschiedensten Techniken der Magie bewandert ist und auch mit den Grundlagen bestens vertraut sein sollte.
(c) ulcseminary.org
Viele dieser Hexen heben nach solch einer Erfahrung - sollten sie auf Grund dessen, dass man danach meist am Hungertuch nagt noch nicht desillusioniert sein - ziemlich vom Boden ab. Sie sind dann der Meinung, dass alleinig ihre Lehrer den Schlüssel zum wahren Hexentum tragen und alle anderen, die kein so schönes Zertifikat vorweisen können, seien die Betrüger und Heuchler ohne echte Fähigkeiten und könnten überhaupt nichts.

Zudem wird hier der Eindruck erweckt, die Hexe hätte alles gelernt, was es zu lernen gäbe. Doch das ist an und für sich schon ein Irrschluss, da jede "echte" Hexe sich durchaus bewusst ist, dass sie ihr leben lang lernen wird. Zudem müssen in solchen Schule alle Themebereiche durchlaufen werden - doch mancher hat vielleicht keinen Zugang zu den Karten, kann aber großartig mit Kräutern. Wenn man das Zertifikat möchte, dann wird darauf meist keine Rücksicht genommen. Zeugnis gibt es nur nach bestandenen Prüfungen.

Initiationsnachweis: Klingt erstmal nach einer schönen Sache. Man ist einer Gruppe beigetreten, wurde für gut befunden und aufgenommen. Nun bekommt man einen schönen Nachweis darüber überreicht, den man sich hinhängen und auf den man stolz sein kann. So sollte es zumindest sein.
(c) ravengrimassi

In der Masche der Betrüger wird besagter Nachweis gerne genutzt um besonders interessierte Menschen und Junghexen zu ködern. Ihnen wird eingeredet, dass sie ohne Initiationsnachweis durch eine erfahrene Hexe keine wahre Magie wirken können oder gar Schaden anrichten könnten mit ihren magischen Praktiken. 

Hier wird ganz klar mit der Angst von jungen Hexen gespielt etwas Falsch zu machen. Zudem wird wieder ein Elitärgedanke geschaffen - wer nicht eingeweiht wurde ist eine Gefahr für die Gesellschaft, sich selbst und wirft ein überaus schlechtes Licht auf die Hexengesellschaft. Zudem sind alle seine zauberischen Auftritte im besten Falle völlig wirkungslos, da er ja ohne Initiation niemals wahre magische Kräfte erreichen und aufbauen konnte.


Stammbaum: Es soll ja solche von uns geben, die es ehrlich schaffen ihren Stammbaum bis zu irgendeiner Person aus den Hexenprozessen zurückzuverfolgen. Es gibt sogar die Leute, die das seltene Glück haben noch lebende Hexen in der Verwandtschaft zu haben oder ein Familiengrimoire zu besitzen.
Wenn du - genauso wie ich - zu den bemitleidenswerten Geschöpfen zählst, die nichts davon vorweisen können, musst du deswegen noch nicht verzweifeln. Irgendwo sitzt jemand, der sein Geld mit "Rückführungen" oder "Vergangenheitserforschung" verdient und dir im Nu einen wunderschönen Stammbaum mit allerlei hexischen Vorfahren vorlegen kann. Wie viele Hexen sich in deinem Stammbaum befinden müssen ist von elitärer Gruppe zu elitärer Gruppe unterschiedlich; aber sicher ein leicht zu behebendes Problem.


(c) gmonstertv
Erstmal bin ich der Ansicht, dass keiner Hexen im Stammbaum haben muss um als echte Hexe zu gelten. Zweitens sind Leute, die behaupten sowas in Erfahrung bringen zu können, meist super unseriös. Und Drittens - bei der Menge an verbrannten Frauen, die der Hexerei bezichtigt wurden - hat vermutlich fast jeder Europäer wenigstens eine "Hexe" im Stammbaum. Dabei war vermutlich nicht mal der Bruchteil dieser armen Menschen eine "echte" Hexe oder überhaupt nur sonstige Kräuterkundige/Hebamme etc.
Solltest du das seltene Glück haben zu diesen Leuten zu gehören, die Hexen im Stammbaum haben oder in der lebenden Verwandtschaft - oder ein Familiengrimoire zu besitzen - dann freu dich und lerne was du kannst, solange es dich interessiert. Gebe dein Wissen gerne an andere heraus, denn die meisten Hexen freuen sich sehr von Zaubersprüchen aus der Zeit ihrer Großeltern oder Urgroßeltern zu hören. Nur eins: Bleib auf dem Teppich!

Wieso gibt es anscheinend so viele Menschen, die so was haben wollen?

Dies hat meist zweierlei Gründe: Geltungssucht oder Unerfahrenheit.

Beim Ersteren ist es ziemlich klar, wieso die Leute hinterher sind und sie sind meist auch ganz klar zu erkennen. Sie haben Dutzende von Zertifikaten oder sonstigen Nachweisen, die sie meist sehr teuer bezahlt haben. Trotzdem hat sie das ganze nicht entzaubert und sie hängen wie Sektenopfer an den Lippen ihrer Lehrer und deren Lehren. Sie sehen sich als den Mittelpunkt der Welt und als die einzig Weisen und Echten auf der Welt. Gerne reiben sie einem dazu die vielen bunten Zettel und schmucken Titel und die Nase. 
(c) geekologie
Die beste - und manchmal wohl auch einzige - Art mit diesen Leuten umzugehen ist sie stehen zu lassen. Meistens wollen sie sich einfach nicht überzeugen lassen, dass ihr Zertifikat über das Erwecken ihrer medialen Veranlagung kaum den Baum wert ist, der dafür sterben musste. 

Die zweite Kategorie ist schon um einiges schmerzhafter, denn hier handelt es sich um die Neugierigen und Unerfahrenen. Hier haben wir es mit Junghexen und magisch Interessierten zu tun, die ein sehr teures Lehrgeld gezahlt haben. Orientierungslos im großen Bereich der Magie wenden sie sich an Hexenschulen, Lehrer, Meister oder Priester um von ihnen eine Richtung und eine Anleitung zu bekommen - die dann meist schamlos ausgenutzt wird. 
Statt dem Erklären und ermutigen den eigenen Weg zu finden werden der Person meist überteuerte Ritualgegenstände verkauft, die als unbedingt nötig deklariert werden, und Inhalte einfach nur hin geschmissen, statt selbst erfahren. Oftmals erfolgt keinerlei Anleitung und es ist alleinig ein stupides Auswendiglernen von Fakten, statt ein Erleben und Erfühlen der Magie. Um besonders schnelle Fortschritte - und damit ein Abspringen der Geldesel wegen Langeweile - zu erreichen werden oft auch Zauber und Inhalte herausgegeben, für die der betreffende Lernende noch gar nicht bereit oder psychisch stabil genug ist.
Diese Gruppe ist am Ende einer solchen Ausbildung meist total ernüchtert und lässt das Hexenleben entweder ganz sein oder überwindet die Wut und die Enttäuschung und lässt sich von einer "echten" Hexe den Weg noch einmal neu beschreiben. 

Der schnelle Weg:

Und wem es immer noch zu viel Aufwand ist und wer lieber selber auf der Seite der Abzocker sitzen würde, der kann sich natürlich auch einfach ein Zertifikat erstellen, sich ein paar lustige Titel verleihen und loslegen. Wahlweise lassen sich diese Titel vermutlich mittlerweile ebenso kaufen wie Doktortitel - falls nicht ist es eine echte Marktlücke. 
Hexe sein noch heute - obwohl man nicht einmal eine Idee von der Definition dieses Wortes hat. 

Fazit:

Meine Meinung steht ziemlich fest - alles dummer Humbug. Ich möchte nochmals betonen, dass ich nicht jede Reikimeisterin oder jeden Schamanen, der sein Wissen für Geld weitergibt, hiermit über einen Kamm scheren möchte. Auch in diesen Sparten gibt es ehrliche Leute, die das Geld, das man für ihr Wissen und ihre Anleitung bezahlt, ehrlich wert sind - allerdings ist man gerade am Anfang meiner Meinung nach besser damit beraten einem kostenlosen Forum beizutreten und sich mit anderen Leuten auszutauschen. Und das ein oder andere gute Buch zum Thema zu lesen.

Und damit ihr mir auch glaubt, dass ich Ahnung habe wovon ich rede, hänge ich euch mal meinen Doktortitel und mein Zertifikat hinten an. =)



Doktorin der Parapsychologie (versteht sich doch von alleine und natürlich in England gemacht)
Und staatlich anerkannte Magierin (so was ist extrem wichtig).
Nachtragend wäre wohl nur noch zu sagen, dass ich niemanden über einen Kamm scheren möchte und meine Zertifikate nicht ernst zu nehmen sind. Es werden noch viele hinzu kommen, habe schließlich noch Großes vor! 

Aber erzählt mir doch mal von euren Erfahrungen mit solchen Nachweisen oder Personen, die solche angeblich besitzen oder es tatsächlich tun. Würde mich super freuen! Wie immer, in den Kommentaren!

Grüße,

eure Ardijana 


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